Modellprojekte funktionieren – und sie sind EU-rechtskonform

Ein Detail, das gerne übersehen wird: In den Niederlanden war Cannabis nie legal. Verkauft werden durfte es – geduldet, nicht erlaubt. Angebaut, verarbeitet, transportiert werden musste es trotzdem irgendwo. Und zwar illegal. Der Coffeeshop war die Vorderseite eines Ladens, dessen Hintertür acht Jahrzehnte im Dunkeln lag. Jeder wusste das. Niemand hat es geregelt.

Seit dem 7. April 2025 versucht ein Modellprojekt genau diese Hintertür zu schließen. Das „Experiment Gesloten Coffeeshopketen“ – kurz Wietexperiment – testet in zehn Gemeinden, ob eine vollständig legale, geschlossene Lieferkette funktioniert. Zehn weitere Gemeinden dienen als Vergleich. Für Deutschland ist das mehr als eine Randnotiz aus dem Nachbarland. Es ist ein Beleg dafür, dass genau das, was hier seit dem CanG diskutiert wird – Modellprojekte, Cannabis Social Clubs, kommunale Abgabestellen – rechtlich gangbar ist. Nicht als Wunder, sondern als Verwaltungsleistung.

 

 

Was da eigentlich getestet wird

Das Prinzip ist unspektakulär und genau deshalb interessant: Zertifizierte Erzeuger bauen an, verarbeiten, liefern an teilnehmende Coffeeshops. Jede Pflanze, jedes Endprodukt ist per Track-and-Trace nachverfolgbar. Kein Blatt verlässt die Kette unbemerkt – zumindest in der Theorie. In der Praxis lief die Software anfangs holprig, das ist inzwischen größtenteils behoben.

Wichtig ist der rechtliche Rahmen: Das Ganze läuft als befristetes, wissenschaftlich begleitetes Experiment, eingebettet in geltendes EU-Recht. Keine Grauzone, keine Ausnahmegenehmigung durch die Hintertür – ein offiziell evaluiertes Modellprojekt. Genau die Konstruktion, die auch deutsche Großstädte für ihre Modellvorhaben anstreben.

Was der erste Zwischenbericht zeigt

Das Wetenschappelijk Onderzoek- en Datacentrum (WODC) – das Forschungs- und Datenzentrum des niederländischen Justizministeriums – und das Trimbos-Institut, das führende niederländische Forschungsinstitut für psychische Gesundheit und Sucht, haben die erste von vier geplanten jährlichen Folgemessungen ausgewertet. Die Kernbefunde, nüchtern zusammengefasst:

Die Angebotsvielfalt ist gestiegen – mehr Sorten, mehr Produktformen. Edibles gibt es fast überall, Vapes in rund sechs von zehn Coffeeshops, Konzentrate häufiger als vorher. Der Wiet-Preis ist gesunken, der Haschisch-Preis dagegen gestiegen – schlicht, weil reguliertes Hasch anfangs knapp war.

Der Konsum selbst blieb stabil. Häufigkeit, Konsumtage, Anzahl der Joints – zwischen Interventions- und Vergleichsgemeinden zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede. Verschoben hat sich etwas anderes: weg von Hasch, hin zu Wiet, plausibel erklärt durch Preis und Angebot. Auch die gekaufte Menge pro Einkauf ist gestiegen, von rund einem auf rund fünf Gramm. Konsumiert wird davon aber nicht mehr – es wird offenbar seltener nachgekauft.

Bei Kriminalität und Umfeld gibt es keine eindeutigen, dem Experiment zurechenbaren Veränderungen. Die bekannten Reibungspunkte – herumlungernde Gruppen, Verkehr, Lärm – bleiben, wie sie waren. Auffälliger ist, was fehlt: keine Anzeichen für Verlagerung von Anbau oder Vertrieb in den Untergrund. Die legale Kette scheint dicht zu halten.

Und beim Schwarzmarkt selbst: keine feststellbare Veränderung. Wer illegal kauft, tut das weiterhin wegen niedrigerem Preis, besserem Preis-Leistungs-Verhältnis oder größeren Mengen. Haupteinkaufskanal bleibt der Lieferdienst per App. Das Experiment hat den illegalen Markt bislang nicht spürbar verdrängt – aber auch nicht befeuert.

Was noch offen ist – und bleiben muss

Das WODC selbst hält fest, dass sich auf Basis dieser einen Messung noch keine eindeutigen Effekte feststellen lassen. Die Erhebung läuft erst seit April 2025, die volle Haschisch-Pflicht griff sogar erst ab September. Das ist eine kurze Zeitspanne für ein Vierjahresprojekt.

Dazu kommt ein methodisches Detail: In der Befragung sind regelmäßige Konsumierende überrepräsentiert gegenüber Gelegenheitsnutzern. Das verzerrt das Bild leicht in Richtung derer, die ohnehin am meisten Erfahrung mit dem Markt haben.

Und dann ist da die THC-Frage. Viele neue Produkte – vor allem Edibles, Vapes, Konzentrate – tauchen mit teils sehr hohen THC-Werten auf den Menüs auf. Ein gemessener Gesundheitseffekt lässt sich bislang nicht nachweisen, drei Viertel der Befragten bewerten ihre Gesundheit weiterhin gut. Aber die Präventionsseite beobachtet das mit Recht wachsam. Hohe Potenz ohne Langzeitdaten ist kein Randthema, sondern ein offener Punkt, den man nicht wegloben sollte.

Kriminalität, Schwarzmarkt, Gesundheit – bei allen drei Themen lautet der ehrliche Stand: zu früh, um zu urteilen. Drei weitere Jahresmessungen folgen, die Gesamtevaluierung ist für 2028 angesetzt, die politische Kabinettsentscheidung für 2029.

Warum das trotzdem für Deutschland zählt

Der eigentliche Gewinn dieses ersten Berichts liegt nicht in dramatischen Zahlen. Er liegt darin, dass die Verwaltung funktioniert. Eine geschlossene, komplett legale Kette von Anbau bis Ladentheke lässt sich bauen, kontrollieren, rückverfolgen – innerhalb der EU-Rechtsordnung, ohne dass Brüssel eingreift. Beteiligte Gemeinden, Coffeeshops und Kontrollbehörden berichten von mehr Transparenz und regelmäßigerem Austausch als vorher.

Für die deutsche CanG-Debatte ist das der eigentliche Transferpunkt. Städte, die Modellprojekte oder Cannabis Social Clubs mit kontrollierter Abgabe planen, müssen nicht mehr abstrakt diskutieren, ob so etwas europarechtlich überhaupt geht. Es geht. Es läuft, mit denselben Kinderkrankheiten, die jedes neue Verwaltungssystem hat, aber es läuft.

Das Wietexperiment ist kein Beweis dafür, dass Legalisierung den Schwarzmarkt beseitigt – dafür ist die Datenlage schlicht zu jung und die Quellen sagen das selbst so deutlich wie möglich. Wie ein solcher Beleg aussehen könnte, zeigt sich in Deutschland bereits ansatzweise. Dort gibt es ein wachsendes legales Angebot: das medizinisch importierte Cannabis für Patientinnen und Patienten sowie die Anbauvereinigungen, in denen Mitglieder seit der Teillegalisierung kontrolliert selbst anbauen dürfen. Die Logik dahinter ist simpel: Wenn mehr legales, getestetes Material verfügbar ist und der Konsum dabei nicht steigt, fällt ein Teil der Nachfrage weg, den bisher nur der Schwarzmarkt bedienen konnte. Auch die deutsche EKOCAN-Evaluierung deutet genau in diese Richtung: mehr legale Bezugswege, kein Konsumanstieg – und der illegale Markt verliert Schritt für Schritt an Boden.

Das Wietexperiment bleibt in diesem Bild ein belastbarer Machbarkeits-Beweis: Man kann eine legale Kette bauen, die hält. Für eine Debatte, die in Deutschland oft an der Frage „geht das überhaupt?„ hängen bleibt, ist das schon einiges.