Offener Brief an die Stadt Heidenheim: Verdrängung ist keine Prävention

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Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Salomo,

Die Schließung des Hanf-Shops und des Cafés „Chill’n’Cheers“ hat in Heidenheim eine Entwicklung angestoßen, die über den Einzelfall hinausgeht.

Wir sind das Aktionsbündnis Hanfkultur Heidenheim, eine zivilgesellschaftliche Initiative für eine ehrliche, präventionsorientierte und sozialverträgliche Cannabispolitik. Es geht uns um Aufklärung statt Stigmatisierung, um geschützte Räume und die verantwortliche Gestaltung legaler Angebote. Zudem betreiben wir unter aktion-hanfkultur.de einen Aufklärungsblog. Wir sind nicht Betreiber eines Hanfladens und verfolgen keine wirtschaftlichen Interessen; wir sprechen als Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt.

Zum Verfahren vorweg ein klares Wort: Der Vorwurf, Betäubungsmittel seien an Minderjährige weitergereicht worden, wiegt schwer und gehört lückenlos aufgeklärt. Beim Jugendschutz machen wir keine Abstriche — er hat Vorrang.

Worum es uns geht, ist die Politik dahinter. Eine einzelne ordnungsbehördliche Maßnahme darf nicht genutzt werden, um eine überfällige gesellschaftliche Debatte weiter aufzuschieben. Eine Schließung samt scharfer Pressetöne löst kein Problem, sie ist Symbolpolitik. Zurück bleibt eine Stadt, in der der legalen Hanfkultur jeder Raum genommen wird: kein Verein, kein Treffpunkt, keine Perspektive. Das lassen wir so nicht stehen.

Verdrängung statt Regulierung: Ein bekanntes Heidenheimer Muster

Mit dem Konsumcannabisgesetz (KCanG) hat der Bundesgesetzgeber eine klare Richtung vorgegeben: Konsumentinnen und Konsumenten sollen aus Schmuddelecken und Kriminalität herausgeholt werden, Vorurteile sollen abgebaut und der Schwarzmarkt soll ausgetrocknet werden. Kommunalpolitik muss diesen Wandel mitgestalten, durch Dialog, Aufklärung und geschützte Räume.

Wir als Aktionsbündnis Hanfkultur Heidenheim haben dafür konkrete Ideen für Aufklärung und Dialog — was in unserer Stadt vor allem fehlt, sind geschützte Räume.

In Heidenheim setzt sich stattdessen eine fragwürdige Tradition fort: Verdrängung und doppelte Maßstäbe.

  • Ungleiche Maßstäbe bei Genuss- und Rauschmitteln: Fünf Tage lang verwandelt die Stadt die Hauptstraße in ein Weindorf – das Küferfest mit tausenden Gästen ist gelebte Festkultur und wird von der Stadtspitze gern als Standortfaktor präsentiert. Wenn erwachsene Menschen im Rahmen geltender Bundesgesetze Cannabis konsumieren, begegnet ihnen dieselbe Verwaltung dagegen nicht mit Gestaltungswillen, sondern mit dem schärfsten Mittel des Gewerberechts – bis zur Schließung des Hauses. Beim Alkohol ist der gesellige Konsum mitten im Zentrum selbstverständlich; bei Cannabis gilt er als Problem, das es zu verdrängen gilt.
  • Symbolische Härte statt Verhältnismäßigkeit: Als zuletzt über 40 manipulierte Spielautomaten im Stadtgebiet beschlagnahmt wurden, ließen Sie sich, Herr Oberbürgermeister Salomo, medienwirksam am Steuer eines Baggers bei der Zerstörung eines der Geräte ablichten – das inszenierte Bild eines starken Ordnungshüters. Doch inszenierte Härte ersetzt keine Ursachenbekämpfung. Wer legale Wege blockiert, verschiebt Probleme lediglich, statt sie zu lösen: Bei Cannabis wirkt bloße Repression wie eine verfehlte Prohibition, die den Schwarzmarkt nicht austrocknet, sondern im Verborgenen erstarken lässt. Der Fund der Spielautomaten führt drastisch vor Augen, was passiert, wenn Gefahren nicht durch transparente, kontrollierte Rahmenbedingungen begegnet wird: Sie weichen in kriminelle Hinterzimmer aus. Nur klare, praxistaugliche Regeln drängen unkontrollierte Parallelwelten wirksam zurück.
  • Auflagen statt Gestaltung: Als wir 2025 den Global Marijuana March in Heidenheim organisierten, belegte uns das Ordnungsamt so kurzfristig mit unverhältnismäßigen Auflagen, dass eine vernünftige Vorbereitung kaum noch möglich war. Der Deutsche Hanfverband, der die GMMs bundesweit koordiniert, bestätigte uns, dass damit zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen GMMs ein Veranstalter gegen eine Stadt klagen musste. Das Verwaltungsgericht Stuttgart gab uns per Beschluss vom 2. Mai 2025 recht.

Der Teufelskreis: Wie der Schwarzmarkt gestärkt wird

Prävention und Gesundheitsschutz funktionieren nur dort, wo Konsumenten erreicht werden. Die Logik moderner Drogenpolitik ist dabei wissenschaftlich klar: Entkriminalisierung in Verbindung mit einem regulierten Markt drängt den Schwarzmarkt zurück und schützt Jugendliche wirksam.

In Heidenheim wird diese Kette an mehreren Stellen unterbrochen.

  1. Das Scheitern von Heidenhanf e. V.: Der ehrenamtliche Anbauverein wollte die gesetzlich vorgesehene, nichtkommerzielle Abgabe umsetzen. Er scheiterte an zwei Fronten: Die Anbaugenehmigung nach dem KCanG blieb über ein Jahr beim Regierungspräsidium liegen, und die gemietete Anbauhalle erhielt von der Stadt Herbrechtingen keine Nutzungsänderung für den Anbau von Cannabis — ohne diese fehlte die Lizenz. Allein die Miete für die ungenutzte Halle verschlang über 45.000 Euro. Im August 2026 war Heidenhanf insolvent.
  2. Die blockierte Abgabestelle: Die Ausgabestelle des Vereins war in denselben Räumlichkeiten geplant, in denen später der Hanf-Shop eröffnete. Erst nach dem Mietvertragsabschluss machte die Stadtverwaltung eine Kindergruppe in unmittelbarer Nähe geltend und vereitelte damit den Plan. Statt den Verein aktiv bei der Suche nach alternativen, konformen Standorten im Stadtgebiet zu unterstützen, ließ die Verwaltung die Ehrenamtlichen mit den Mietverbindlichkeiten allein – der Ladeninhaber rettete den Verein damals vor der sofortigen Zahlungsunfähigkeit, indem er den Mietvertrag übernahm.
  3. Die Stadtverwaltung im eigenen O-Ton: Auf die Frage, ob die Stadt im Rahmen eines Modellprojekts mitwirke, antwortete die Fachbereichsleiterin im Februar 2025 wörtlich: „muss abschlägig beschieden werden.“ — im Beamtendeutsch der Stadt: Wir machen nicht mit. Die Unterstützung der Stadt bestand zu diesem Zeitpunkt aus der Telefonnummer eines Wirtschaftsförderers und dem Satz: „Ich hoffe, Sie sind in der Zwischenzeit fündig geworden.“ Hilfe per Telefonnummer — Beteiligung null.

Wer legale Anbauvereine nicht einmal an einem Ausgabestandort gewähren lässt, Modellprojekte rundweg ablehnt und den einzigen geschützten Konsumraum der Stadt schließt, bekämpft damit nicht den Drogenkonsum. Er überlässt das Feld dem unkontrollierten Schwarzmarkt — mit gestreckter Ware, fehlenden Alterskontrollen und kriminellen Vertriebsstrukturen.

Positive Beispiele: Was andere Kommunen vormachen

Dass es anders geht, zeigen Städte wie Frankfurt am Main und Hannover. Frankfurt hat bereits vor Jahren die Initiative ergriffen, um als Modellkommune für lizenzierte Fachgeschäfte aufzutreten. Dort hat man verstanden: Nur wer den Markt kontrolliert, schützt die Jugend. Nur wer Konsumenten Räume zugesteht, schützt den öffentlichen Raum. Diese Städte setzen auf Dialog zwischen Verwaltung, Präventionsstellen und Konsumentennetzwerken, statt die Augen vor der Realität zu verschließen.

Unsere Fragen an die Stadtspitze

Als Aktionsbündnis Hanfkultur fordern wir Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Salomo, auf, zu den folgenden Fragen öffentlich Stellung zu beziehen:

  1. Umgang mit Verdrängung: Welches Konzept verfolgt die Stadtverwaltung, um zu verhindern, dass der Wegfall geschützter Konsumräume die Szene in unkontrollierte öffentliche Räume und Parks abdrängt?
  2. Prävention und Gesundheitsschutz: Ein geschützter Treffpunkt wie das „Chill’n’Cheers“ ist kein Ort, an dem unkontrolliert konsumiert wird, sondern der Ort, an dem Prävention Erwachsene überhaupt erreicht: Problematischer Konsum fällt dort auf und wird offen angesprochen, weil die Konsumentinnen und Konsumenten einander vertrauen und Hinweise eher annehmen. Genau dort haben Menschen sich gegenseitig beim Tabakverzicht gestärkt, ihren Alkoholkonsum reduziert oder beendet, und Fragen des Safer Use im Umgang mit Cannabis waren ein ständiges Thema. Die Szene kümmert sich dort umeinander und spricht Missbrauch offen an. Wenn dieser Raum wegfällt, verschwindet auch diese niedrigschwellige Prävention. Welche konkreten Schritte unternimmt Heidenheim nun, um trotz des Wegfalls von Anbauverein und Treffpunkt Aufklärung und Schadensminderung (Harm Reduction) für Konsumenten sicherzustellen?
  3. Zukunft von Modellprojekten (Säule 2): Ist die Stadtspitze bereit, ihre ablehnende Haltung aus dem Jahr 2025 zu überdenken und sich – nach dem Vorbild anderer fortschrittlicher Kommunen – für wissenschaftlich begleitete Modellversuche für lizenzierte Fachgeschäfte zu öffnen?
  4. Gleichbehandlung und Prioritätensetzung: Wie rechtfertigt die Stadtverwaltung die administrative Härte gegen alternative Kultur- und Konsumräume im Vergleich zur aktiven Förderung mehrtägiger Alkoholevents wie dem Küferfest und dem Umstand, dass über 40 illegale Glücksspielautomaten über Monate hinweg im Stadtgebiet betrieben werden konnten?
  5. Umgang mit Aufklärung selbst: Ist die Stadt bereit, eigene Hanf-Aufklärungsformate zu unterstützen — etwa sachliche Informationsveranstaltungen in Kooperation mit Gesundheits- und Präventionsangeboten sowie Fachverbänden — statt sich auf reines Verwalten zu beschränken?
  6. Schaffung von Schutzräumen: Plant die Stadtverwaltung konkrete Maßnahmen, um gemeinsam mit der Zivilgesellschaft geeignete, rechtskonforme Räume und Standorte für legale Initiativen im Stadtgebiet zu identifizieren?
  7. Verhältnismäßigkeit der Gewerbeuntersagung: Auf welcher konkreten Tatsachen- und Ermessensgrundlage wurde die sofortige Vollziehung der Betriebsschließung für Café und Shop verfügt, und warum sah die Verwaltung von milderen Mitteln (wie personellen Auflagen oder Betretungsverboten gegen Verdächtige) ab?

Verdrängung ist keine Prävention

Entkriminalisierung erfordert Mut, Verantwortung und Gestaltungswillen, keine bloße Verwaltermentalität. Heidenheim kann mehr als Schließungen und symbolische Härte.

Eine zentrale Frage möchten wir Ihnen und der Heidenheimer Öffentlichkeit abschließend ganz bewusst mit auf den Weg geben: Warum bietet unsere Stadt an jeder Ecke Raum und Gastronomie für die allgegenwärtige Alkoholkultur, verwehrt aber erwachsenen Menschen jeden geschützten Ort für eine verantwortungsvolle Hanfkultur? Wer beim nachweislich gefährlicheren Genussmittel Alkohol beide Augen zudrückt und den Ausschank im Stadtzentrum feiert, verliert jede Glaubwürdigkeit, wenn er bei einer bundesweit entkriminalisierten Alternative bloß auf Verdrängung und das schärfste Ordnungsrecht setzt. Wer Jugendschutz und Gesundheitsschutz wirklich ernst meint, muss aufhören, mit zweierlei Maß zu messen.

Wir bitten Sie, zu unseren sieben Fragen öffentlich Stellung zu nehmen. Für einen konstruktiven Austausch stehen wir zur Verfügung.

Diesen Brief übergeben wir Ihnen heute und veröffentlichen ihn zeitgleich auf aktion-hanfkultur.de sowie als Pressemitteilung an die regionalen Medien.

Mit freundlichen Grüßen

Aktionsbündnis Hanfkultur Heidenheim

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